Cinquante - der Meister besucht seine grosse Stadt (1)
In Paris ist das Schreiben ein Träumen, das Träumen bereits Schreiben. Nichts ist von einer Realität abhängig, man ist während des Schreibens Pariser, ist identisch mit den pittoresken Gemälden – manche Menschen nennen sie „Häuser“ – und leben darin, leben darin, wie der Schreiber träumt. Die Straßen sind bereits an einem Ziel angelangt, man schwebt sie, folgt ihnen mit der Miene eines Stiftes, sitzt in einer Brasserie der Square Clignancourt und sitzt dort, als würde man träumen, dort zu sitzen.
Der Traum geht dem Schreiben voraus, es gibt keine Abweichung von dieser Regel, die, wie ich glaube, Jorge Luis Borges sehr gewissenhaft formulierte.
Das Leben ist Leben nur hier; von den Balkonen sieht man herunter, ein anderes Leben, sieht aus dem Gemälde heraus – ein Farbtupfer hinter gusseisernen Fallgittern.
Man koordiniert seine Schritte nicht, läuft nirgendwohin, in dem man weiterläuft. Es beginnt, zu regnen, vielleicht, aber auch das Wasser ist nur dazu da, einen Effekt in die Kulisse zu hexen.
Die Geräusche sind ein eigentliches Hörspiel ohne Sprache, mit vielen Stimmen und weiteren Geräuschen, der Text ist wie ein Moment, vergänglich. Wiederholt werden kann er nicht, ebensowenig wie ein Lächeln.
Man fängt Augen im Gewühl, manche ziehen in den Lenden, lenken den Schritt weiter Himmelwärts. Man verlässt seinen Körper gerne, um hier zu sein, denn das ist der Preis: das Vehikel zu wechseln.
Die Anordnung der Boulevards folgt dem Prinzip eines Spiegelkabinetts, man gelangt zu seinem eigenen Abbild auf direktem Wege, sieht sich aber nie.
Kein Schriftsteller von Rang, der nicht in Paris war, kein Schriftsteller von Rang, der Paris nicht ein literarisches Denkmal setzte.
Eine Landschaft mit Worten wiederzugeben (nicht zu beschreiben), muß sich dem „wie wenn“ bedienen, will sie nicht naturalistisch sein, denn man sollte sich davor hüten, ein Abbild schaffen zu wollen. Überhaupt erkennt man den guten Dichter daran, daß er in das wiederzugebende Ambiente bereits das Gefühl hineinwebt und es nicht aussperrt.
Der klare Gedanke findet sich bei Oscar Wilde. Ich glaube, er litt darunter, Engländer zu sein und kein Franzose. Natürlich ist es am allerschlimmsten, deutsch zu sein. Ich hätte ihm gerne diesen Trost mitgegeben. Zumindest liegt er auf dem Pere Lachaise, sein Leichnam ist also ganz und gar Pariser.
Die pittoreske Totenstadt am Pere Lachaise ist ein Kultplatz nocturner Charaktere, die hier Jahrelang von der Stadt geduldet, ihre morbiden Sexpraktiken und Perversionen auslebten. Ob man sich nun in den zahlreichen düsterromantischen Kapellen liebte oder seine Vampirin mit gespreizten Beinen auf den Rand eines Grabsteines setzte – der schwarzen Seele ward hier ein Platz unerschöpflicher Möglichkeiten geschaffen. Durch die zahllosen Grabschändungen jedoch bekamen die Flics eine neue nächtliche Aufgabe zugeteilt und heute vertreiben sich die Mondwesen ihre Zeit in den geheimnisvollen Gängen und Schächten unter dem Montmartre, der durchlöchert ist wie ein Termitenbau. Ganz Paris weist diese labyrinthischen Stollen und Kanäle auf, von denen bis heute weder ein genauer Überblick noch ein Plan existiert; doch das Tunnelsystem am mütterlichen Berg, dessen Gipfel die wunderschöne Sacre Coer ziert, allein ist Ausweichmoment des Nachtvolks geworden und als Uneingeweihter wird man die Zugänge kaum finden.
Paris begann in der Cité, wo einst der keltische Stamm der Parisii lagerte und wo heute wie selbstverständlich der Regierungspalast, zwar nüchterner, aber nichtsdestotrotz kaum weniger Imposant als die um die Ecke liegende Notre Dame, in deren Park das geisterhafte und furchteinflössende Monument Charlemagnes und seines fränkischen Kämpen, vor Grünspan strotzend, aufragt.
Zum zweiten Teil
Der Traum geht dem Schreiben voraus, es gibt keine Abweichung von dieser Regel, die, wie ich glaube, Jorge Luis Borges sehr gewissenhaft formulierte.
Das Leben ist Leben nur hier; von den Balkonen sieht man herunter, ein anderes Leben, sieht aus dem Gemälde heraus – ein Farbtupfer hinter gusseisernen Fallgittern.
Man koordiniert seine Schritte nicht, läuft nirgendwohin, in dem man weiterläuft. Es beginnt, zu regnen, vielleicht, aber auch das Wasser ist nur dazu da, einen Effekt in die Kulisse zu hexen.
Die Geräusche sind ein eigentliches Hörspiel ohne Sprache, mit vielen Stimmen und weiteren Geräuschen, der Text ist wie ein Moment, vergänglich. Wiederholt werden kann er nicht, ebensowenig wie ein Lächeln.
Man fängt Augen im Gewühl, manche ziehen in den Lenden, lenken den Schritt weiter Himmelwärts. Man verlässt seinen Körper gerne, um hier zu sein, denn das ist der Preis: das Vehikel zu wechseln.
Die Anordnung der Boulevards folgt dem Prinzip eines Spiegelkabinetts, man gelangt zu seinem eigenen Abbild auf direktem Wege, sieht sich aber nie.
Kein Schriftsteller von Rang, der nicht in Paris war, kein Schriftsteller von Rang, der Paris nicht ein literarisches Denkmal setzte.
Eine Landschaft mit Worten wiederzugeben (nicht zu beschreiben), muß sich dem „wie wenn“ bedienen, will sie nicht naturalistisch sein, denn man sollte sich davor hüten, ein Abbild schaffen zu wollen. Überhaupt erkennt man den guten Dichter daran, daß er in das wiederzugebende Ambiente bereits das Gefühl hineinwebt und es nicht aussperrt.
Der klare Gedanke findet sich bei Oscar Wilde. Ich glaube, er litt darunter, Engländer zu sein und kein Franzose. Natürlich ist es am allerschlimmsten, deutsch zu sein. Ich hätte ihm gerne diesen Trost mitgegeben. Zumindest liegt er auf dem Pere Lachaise, sein Leichnam ist also ganz und gar Pariser.
Die pittoreske Totenstadt am Pere Lachaise ist ein Kultplatz nocturner Charaktere, die hier Jahrelang von der Stadt geduldet, ihre morbiden Sexpraktiken und Perversionen auslebten. Ob man sich nun in den zahlreichen düsterromantischen Kapellen liebte oder seine Vampirin mit gespreizten Beinen auf den Rand eines Grabsteines setzte – der schwarzen Seele ward hier ein Platz unerschöpflicher Möglichkeiten geschaffen. Durch die zahllosen Grabschändungen jedoch bekamen die Flics eine neue nächtliche Aufgabe zugeteilt und heute vertreiben sich die Mondwesen ihre Zeit in den geheimnisvollen Gängen und Schächten unter dem Montmartre, der durchlöchert ist wie ein Termitenbau. Ganz Paris weist diese labyrinthischen Stollen und Kanäle auf, von denen bis heute weder ein genauer Überblick noch ein Plan existiert; doch das Tunnelsystem am mütterlichen Berg, dessen Gipfel die wunderschöne Sacre Coer ziert, allein ist Ausweichmoment des Nachtvolks geworden und als Uneingeweihter wird man die Zugänge kaum finden.
Paris begann in der Cité, wo einst der keltische Stamm der Parisii lagerte und wo heute wie selbstverständlich der Regierungspalast, zwar nüchterner, aber nichtsdestotrotz kaum weniger Imposant als die um die Ecke liegende Notre Dame, in deren Park das geisterhafte und furchteinflössende Monument Charlemagnes und seines fränkischen Kämpen, vor Grünspan strotzend, aufragt.
Zum zweiten Teil
Perkampus - 13. Jan, 09:57











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