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Cinquante - der Meister besucht seine grosse Stadt (3)

Die Menschen von Paris sind zahllose Novellen. Es gälte, Geschichte um Geschichte zu finden.

Man könnte denken, der Mensch sei von Natur aus gut, nur von der Zivilisation verdorben, durchaus ist es jedoch so, daß der Mensch durch Moral und Sittlichkeit zum Schwein wird, denn jeder Anstand ist pervers.

Früher neigte ich dazu, Paris zu verklären, indem ich sagte, es sei die schönste Stadt der Welt. Heute weiß ich, Paris ist die einzige Stadt, es gibt keine andere.

Das Quartier Latin galt über ein halbes Jahrtausend hinweg, von Francois Villon bis in unsere Zeit als Inbegriff der Boheme. Schon immer war das Viertel der Ofen, in dem das geistige Brot der Menschheit gebacken wird und noch heute ist es der Ehrgeiz junger Autoren, gerade hier bekannt und genannt zu sein, wo viele Debatten zur modernen Kunst und Literatur stattfanden, wo Grundsätzliches über Idealismus, Realismus, Naturalismus, Nihilismus, Ästhetentum, Symbolismus und Surrealismus gedacht und in Zeitschriften publiziert wurde, wo man in Dachstuben dichtete, komponierte und malte, in schmierigen Cafés diskutierte, sich in trüben Buchhandlungen traf, ja, sich heute noch trifft. An keinem Ort der Welt wurden jemals so viele Eier gelegt, an denen dann die ganze Welt herumzubrüten hatte.
Neben der gotischen Kirche St. Severin reiht sich in den engen Gassen Bistro an Bar, Café an Restaurant und während man an einer Ecke beobachtend einen Imbiss verzehrt, durchstöbern die Clochards die Mülleimer auf der Suche nach etwas Essbarem. Da ich mir so etwas nicht lange ansehen kann, verscheuchte ich den in den Servietten wühlenden und eingemummten Sammler mit einer fünf Euro-Note, vermutlich den grössten Betrag, den er seit langem in die Finger bekommen hat.
Auch wenn die Clochards in den Augen vieler Ausländer weiterhin verklärt werden: nichts Romantisches haftet ihnen an, die Zivilisation und zunehmende Verstädterung sowie ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf haben ihnen jegliche Freiheit, die noch Francois Villon besang (aber auch Baudelaire) entrissen und das nackte Überleben ist ihr einziges Programm.

Die Tavernen sind heute völlig überfüllt, aber mich treibt es sowieso auf die Straße und dort kaufe ich bei einem illegalen Strassenhändler eine Flasche schottischen Whisky. Wie wild man hier auf den Schnaps ist, wird mir erst bewusst, als ich ihn mit vielen anderen, die mir entgegenkommen, teilen muß.
Ich halte nach Pariserinnen Ausschau und erkenne sie stets und eindeutig an ihren bestrumpften Beinen. Auch das hat sich nicht verändert – Französinnen, der restlichen Damenwelt in Sexappeal stets meilenweit voraus und an Koketterie ohnedies nicht zu schlagen.
George Simenon, der im Laufe seines Lebens zehntausend Frauen konsumiert haben will, winkt wohl bescheiden ab und sagt, daß die Meisten ohnedies Prostituierte waren, deklassiert mich aber dennoch auf unbarmherzige Weise. Auf die von mir anvisierten vierzigtausend werde ich garantiert nicht kommen und selbst, ob ich die realistischen hundert erreiche, bleibt abzuwarten.

Wenn man einen guten Tag hat, schafft man drei, das Kleidchen reicht über den Po und bewegt sich kaum, die Strumpfhose macht das Spreizen der Beine mit, wenn man sie an die Wand in einer Gasse stellt und von hinten anspitzt. Das fällt nicht einmal auf, man kann es praktisch überall treiben. Aber das Wetter spielt nicht mit, es regnet.

Rue Saint-Séverin Nr. 22: das schmalste Haus von Paris ist heute eine herkömmliche Pizzeria, die zur gegenüberliegenden Seite hin gebaut wurde, so daß die schmale Tür nur noch wie ein Hintereingang wirkt. In diesem Keller wurde in den 60igern die Philosophie im Boudoir frei nach dem Marquis des Sade uraufgeführt und von der Sittenpolizei unterbrochen. Maurice Girodias, Sohn von Jack Kahane, Gründer des seinerzeit berüchtigten Pornoverlags Obelisk Press war der Intendant.
Die Obelisk Press wurde berühmt durch die Wendekreis-Romane Henry Millers, aber auch durch Nabokovs Lolita und diese Romane wiederum durch das Verbot, das ihnen sofort nach Erscheinen den Geschmack des wirklichen Untergrunds aufdrückte.
Ich stehe lange vor der Eingangstür, wieder bereit eine vergangene Zeit zu beschwören, jedoch treibt es mich nicht zur italienischen Küche und im feuchten Keller liegen nur eingepackt die Venusmuscheln…

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

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